Nichts ist, wie es scheint

Heute habe ich Sofie kennengelernt, eine attraktive Frau mit ihren knapp 60 Jahren. Sie wirkt sportlich und strahlt eine Stärke aus, die ich in diesem einen, ersten Moment bewundernswert finde. Als sie mich begrüßt, überlege ich, was sie wohl von mir erwarteten würde. Am Telefon hatte sie nicht viel erzählt- nur dass sie sich hin und wieder, aber eben immer öfter, „komisch“ fühlen würde. Ich beobachte Sofie aufmerksam – ihre Bewegungen, ihre Mimik. Sie schaut sich in meiner Praxis um, und bleibt mit ihren Blicken an einem Bild hängen. „Ihr Mann?“ fragt sie. Ich nicke. Doch dieser Augenblick hat ihre Mimik total verändert. Nun wirkt sie unsicher, traurig, klein. Eine Fassade ist zusammengebrochen. Dann, irgendwann erzählt sie von ihrem Mann, ihrem Leben. Und ich frage mich: Wieviel Kraft muss es sie kosten, diese Fassade der starken Frau, die für alle da ist, aufrecht zu erhalten.
„Ich muss doch stark sein!“ scheint ihr Lieblingsspruch zu sein. Kein Wunder, dass nichts anderes von ihr erwartet wird.
Ihre schicke rote Bluse, die sehr gut mit den rötlich eingefärbten Strähnchen im kinnlangem Haar harmoniert, demonstriert eindrucksvoll ein „Schau, hier bin ich!“. Keine Spur von „Ich bin am Ende“ – leider nur die Fassade für den Rest der Welt – in ihrem Inneren sieht es ganz anders aus.

Passend zu diesem ersten Eindruck von Sofie möchte ich „Eine Geschichte zum Nachdenken“ anhängen. Die ist zwar auch schon tausende Male erzählt, geschrieben und gelesen worden, aber sie beeindruckt immer wieder und zeigt, wie schnell wir mit unseren Urteilen sind und das manches anders ist, als es auf den ersten Blick scheint. So wie bei mir der erste Eindruck und mein Urteil über Sofie.

Eine Geschichte zum Nachdenken
(von Laotse)

Es gab einmal in einem Dorf einen alten Mann, der sehr arm war. Er wurde aber trotzdem von Königen beneidet, denn er besaß ein schönes Pferd. Ein Pferd von solcher Qualität war noch nie gesehen worden, solche Schönheit, solcher Stolz, solche Stärke! Könige bewarben sich um das Pferd und boten fabelhafte Preise. Doch der alte Mann kannte nur eine Antwort: „Dieses Pferd ist für mich kein Pferd, sondern ein Freund, es ist kein Besitz. Soll ich einen Freund verkaufen? Nein, das kommt nicht in Frage.“
Der Mann war arm und hatte allen Grund, der Versuchung zu erliegen. Aber er verkaufte das Pferd nie. Eines Morgens entdeckte er, dass das Pferd nicht mehr im Stall war. Das ganze Dorf versammelte sich und alle sagten:
„Das hast du nun davon, du alter Narr! Wir haben es vorher gewusst, eines Tages musste das Pferd ja gestohlen werden! Denn wie hättest du bei deiner Armut einen solchen Schatz richtig behüten können? Du hättest besser daran getan, das Pferd zu verkaufen. Du hättest astronomische Summen dafür verlangen können, jeden Phantasiepreis! Jetzt ist das Pferd weg. Jetzt siehst du, was für ein Fluch, was für ein Unglück es für dich war.“
Der alte Mann sagte: „Ihr müsst nicht übertreiben! Sagen wir einfach: Das Pferd ist nicht im Stall. Das ist die einzige Tatsache, alles andere ist Interpretation. Ob es nun ein Unglück ist oder nicht, wie wollt ihr das wissen? Wie könnt ihr das beurteilen?“
Die Leute waren überzeugt: „Uns kannst du nichts vormachen. Wir mögen zwar keine großen Philosophen sein, aber hier braucht man auch keine Philosophie. Es ist eine klare Tatsache, dass ein Schatz verloren gegangen ist, und das ist ein Unglück.“
Der alte Mann erwiderte: „Ich bleibe dabei: Die einzige Tatsache ist, dass der Stall leer und das Pferd fort ist. Darüber hinaus weiß ich nicht, ob Unglück oder Segen, denn so ein Urteil ist begrenzt und niemand weiß, was noch kommt. “
Er wurde ausgelacht. Die Leute hielten den alten Mann für verrückt. Sie hatten es schon immer gewusst, dass er nicht richtig im Kopf war, sonst hätte er ja sein Pferd verkauft und in Saus und Braus gelebt… Stattdessen fristete er sein Leben als Holzfäller. Obwohl er sehr alt war, fällte er immer noch Bäume, brachte das Holz aus dem Wald und verkaufte es. Er lebte von der Hand in den Mund, hatte nur das Nötigste und nie wirklich genug. Aber jetzt war ihnen das endgültig klar, dass er verrückt war.
Nach vierzehn Tagen kam plötzlich eines Nachts das Pferd zurück. Es war nicht gestohlen worden, es war nur in die Wildnis gelaufen. Es kam nicht nur zurück, sondern es brachte auch noch zwölf andere Wildpferde mit. Und wieder kamen die Leute zusammen und waren sich sicher: „Alter, du hast Recht gehabt, wir haben uns geirrt. Es war kein Unglück, sondern ein Segen. Es tut uns leid, dass wir dir Vorwürfe gemacht haben.“
Und der alte Mann sagte: „Ihr geht schon wieder zu weit. Könnt ihr nicht einfach sagen, dass das Pferd zurück ist und dass es zwölf andere Pferde mitgebracht hat? Warum urteilt ihr? Wer will wissen, ob es ein Segen ist oder nicht? Es ist nur ein Bruchstück, und wenn man den ganzen Zusammenhang nicht kennt, wie kann man dann urteilen? Wie könnt ihr über ein Buch urteilen, wenn ihr nur eine Seite gelesen habt? Wie könnt ihr über eine ganze Seite urteilen, wenn ihr nur einen Satz gelesen habt? Wie könnt ihr über einen Satz urteilen, wenn ihr nur ein Wort davon gelesen habt? Und was ihr in der Hand haltet, ist weniger als ein Wort – das Leben ist so unendlich! Ihr habt nur das Bruchstück eines Wortes in der Hand und habt über die ganze Welt geurteilt. Sagt also nicht, dass dies ein Segen ist, denn wer weiß…. Und ich bin völlig damit zufrieden, dass ich es nicht weiß. Lasst mich also bitte in Ruhe.“
Dieses Mal hielten die Leute den Mund. Vielleicht hatte der alte Mann ja doch Recht? Also sagten sie nichts, aber im Stillen waren sie sich einig, dass er sich irrte.
Zwölf herrliche Pferde waren mit dem einen Pferd zurückgekommen! Wenn sie ein bisschen eingeritten wurden, könnten sie bald alle verkauft werden und massenhaft Geld einbringen.
Der alte Mann hatte einen jungen Sohn, es war sein einziger. Dieser Sohn begann nun die Wildpferde zu zähmen. Eine Woche später stürzte er von einem der Pferde und brach sich beide Beine.
Wieder kamen die Leute zusammen.  Und wieder urteilten sie sofort. Sie sagten: „Du hattest Recht. Was du geahnt hast, hat sich wieder einmal bestätigt. Es war kein Segen, es war doch ein Unglück. Dein einziger Sohn hat seine Beine verloren! Wer soll jetzt die Stütze deiner alten Tage sein? Jetzt bist du ärmer denn je.“
Der alte Mann erwiderte: „Könnt ihr denn nicht ein Mal aufhören mit eurem Urteil? Ihr geht schon wieder zu weit… sagt einfach, dass mein Sohn seine Beine gebrochen hat. Keiner weiß, ob das nun ein Glück oder ein Unglück ist. Keiner! Es ist wieder nur ein Bruchstück, und wir bekommen nie mehr als ein Bruchstück zu sehen. Das Leben zeigt sich nur in Fragmenten, aber unsere Urteile fällen wir immer über das Ganze.“
Ein paar Wochen später geschah es, dass ein Krieg mit dem Nachbarland ausbrach. Alle jungen Männer wurden zur Armee eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er ein Krüppel war. Die Leute kamen zusammen, weinend und klagend, denn aus jedem Haus wurden die jungen Männer mit Gewalt abgeholt. Und es bestand keine Aussicht, dass sie je wiederkämen, denn das Land mit dem Krieg geführt wurde, war ein sehr großes Land, und die Schlacht war von vorneherein verloren. Also würden sie nicht zurückkommen… Das ganze Dorf weinte und klagte und sie kamen zu dem alten Mann und sagten:
„Wie Recht du hattest Alter! Weiß Gott, wie Recht du hattest, es war ein Segen: Dein Sohn mag zwar ein Krüppel sein, aber wenigstens bleibt er bei dir. Unsere Söhne werden wir nie wieder sehn. Er wenigstens lebt und ist bei dir, und nach und nach wird er schon wieder das Laufen lernen. Vielleicht wird er noch ein bisschen humpeln, aber er wird wieder in Ordnung kommen.“
Der alte Mann wehrte ab: „Es ist einfach unmöglich, mit euch Leuten zu reden. Ihr könnt es einfach nicht lassen – ewig diese Urteile. Niemand weiß etwas! Sagt doch nur, dass eure Söhne in die Armee geholt worden sind und mein Sohn nicht. Aber ob das nun ein Segen ist, oder ein Unglück, das weiß niemand. Kein Mensch wird das je wissen. Nur Gott allein weiß es.“
Und wenn wir sagen: „Nur Gott weiß es“, dann heißt das, dass nur das Ganze es weiß.
Urteile nicht, sonst wirst du dich nie mit dem Ganzen vereinigen können. Dann wirst du immer nur an den Bruchstücken kleben und aus den geringsten Anlässen große Schlüsse ziehen. Wie leicht vergisst du, dass es Dinge gibt, die über deinen eigenen Horizont hinausgehen.

Also urteile nie!


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Über sasou63

Sylvia Lietsch, Jahrgang 1963. Bis 2007 auf der Suche nach dem ICH. Über verschiedene Ausbildungen in "vernünftigen Berufen" (Kellner, Fremdsprachensekretärin und Immobilienmakler) fand ich 2007 meine Berufung als Heilpraktikerin. Ich entdeckte das Schreiben wieder und auch DAS LEBEN, nachdem im Februar 2011 das Schicksal zum ersten Mal sehr hart zuschlug. Was dann kommt, ist kein Geheimnis: Funktionieren, Depressionen, burn out. Und vor allem: Nur nicht hinschauen. Bis... Ja - bis Du erkennst, dass Du Hilfe brauchst!
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